Doppel-Impuls für die Woche

Liebe Christinnen und Christen im SSB Hofer Land und darüber hinaus,

liebe Freunde und Bekannte,

liebe E-Gemeinde,

 

wir stoßen immer wieder an Grenzen und die Begrenztheit unseres Lebens,

an das, was uns beschränkte und einengt, wo wir uns selbst Entfaltungsmöglichkeiten nehmen,

oder wo andere uns ausgrenzen und uns durch ihr Verhalten klein machen und in Angst versetzen:

Krankheit, Misserfolg, Mobbing, Gewalt, Machtmissbrauch, Ängste ….

Alles dürfen wir Jesus hinhalten mit der Bitte um Wandlung:

Meine engen Grenzen … bringe ich vor dich (Gotteslob 437)

Hier der Lied-LINK zum Mitsingen.

 

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“, so sagt es der Psalmist (Ps 18,30).

Er gibt mir Kraft und Mut dazu, so mache Grenze mit seiner Hilfe zu überwinden,

auch dazu, ganz anders zu handeln als der Mainstream (vgl. angehängter Impuls 2025),

So zu handeln und zu leben, wie es dem Leben dienlich sein kann.

… und damit die „Fortsetzung“ zum Impuls der vergangenen Woche gegeben ist,

sei noch auf den angehängten Impuls aus dem Jahr 2022 verweisen –

ich finde das dortige Thema weiterhin hochaktuell und bedenkens- und umsetzenswert.

 

Ich wünsche Dir/Ihnen/Euch mit dem folgenden Lied-LINK eine gesegnete neue Woche.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Dieter G. Jung

Stellvertreter des Leitenden Pfarrers

Pfarradministrator im Katholischen Seelsorgebereich Hofer Land

zuständig für Schwarzenbach a. d. Saale – Oberkotzau – Rehau

Predigt    7. Sonntag im Jahreskreis; LJ C

1 Kor 15,45-49 + Lk 6,27-38

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!

Wir haben die Wahl! Alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger können heute ihre Stimme für die Bundestagswahl abgeben – oder haben dies längst schon per Briefwahl getan. Wir haben die Wahl! Manch eine(r) hat sich die Mühe gemacht, Wahlprogramme zu lesen, den Wahl-O-Mat bei der Entscheidungsfindung genutzt oder sich durch Wahlsendungen informiert – egal ob Schlagabtausch, Kanzler-Duell, Quadrell, Klartext!, Wahlarena, Speed-Dating oder Schlussrunde – es geht um viel: es geht um die Zukunft unseres Landes; es geht um unsere Zukunft. Wir haben die Wahl!

Wir haben die Wahl! Jesus informiert die Jüngerinnen und Jünger in seiner sogenannten Feldrede (vgl. Lk 6,17-49) und uns heute in einem Abschnitt daraus (vgl. Lk 6,27-38), worum es ihm geht. Jesus buhlt nicht um unsere Gunst als Wählerinnen und Wähler. Er macht keine leeren Versprechungen und benutzt keine hohlen Worthülsen oder nichtssagenden Phrasen. Jesus spricht Klartext: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ (Lk 6,27f).

Was soll das? Wie will Jesus mit solchen Sätzen „die Wahl“ der Menschen für sich entscheiden? Wie will Jesus den „Wahlkampf“ gewinnen?

Genau hier liegt der wesentliche Unterschied: Es ist kein „Wahlkampf“,

auch kein Kampf – Jesus durchbricht immer wieder bewusst die Spirale von Gewalt und Gegengewalt; Aggressionen und (verbale) Auseinandersetzungen können sich so nicht hochschaukeln und werden im Idealfall unterbunden. Schon das kostet mich Überwindung und fällt mir in der Nachfolge Jesu alles andere als leicht: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ Ich spüre schon die Reaktionen in mir und lese sie in Ihren Gesichtern ab: Total unrealistisch, weltfremd, naiv, verrückt, politisch nicht umsetzbar.

Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!“ Wenn ich über diese radikalen Worte Jesu länger nachdenke, dann spüre ich, dass sich durch deren Umsetzung etwas ändern kann – ändern kann zum Guten hin. Die Spirale von kleinen Bosheiten bis hin zum großen Bösen, das gegenseitige Aufrechnen von Schäden und Schädigungen wird durchbrochen. Jesus macht keine billigen Versprechen, die er „nach der Wahl“ nicht hält oder nicht halten kann. Jesus lebt seine Worte konkret vor und setzt sie in die Tat um bis hin zum versöhnenden Wort, das er am Kreuz über diejenigen ausspricht, die ihn aufs Kreuz gelegt, auf seine Worte festgenagelt und gekreuzigt haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34).

Jesus geht sogar noch weiter: Er ruft zum Verzicht auf Widerstand auf: „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd“ (Lk 6,29).

Ich habe mit diesem Wort Jesu ein Problem, ein großes Problem, wenn ich zum Beispiel an sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen denke, an Angriffskriege und Annexionen erkämpfter und durch viele Kriegstote eroberter Gebiete. Da habe ich keine Wahl: Das kann und will ich nicht gutheißen! So wird Leben zerstört und Recht gebrochen für egoistische und menschenverachtende Ziele! Trotzdem muss ich mich dem Wort Jesu stellen. Die andere Wange hinzuhalten ist keine Einwilligung in die erfahrene Gewalt, keine Akzeptanz und schon gar kein Gutheißen. Die hingehaltene Wange ist vielmehr Ausdruck einer Haltung, die diese Demütigung nicht hinnimmt: gewaltfreier Widerstand des/der vermeintlich Schwächeren um den/die Aggressor(en) durch ein solches Verhalten zu bloßzustellen und vorzuführen, Unrecht aufzudecken und sichtbar zu machen sowie für die Zukunft ein derartiges Fehlverhalten zu unterbinden – kein passives Erdulden, sondern praktizierte Stärke und gelebte moralische Größe, die den/die Gewalttätigen beschämt und den unterdrückten Menschen in seiner Würde bestärkt.

Ihr könnt mich umdrehen – auf der einen Seite bin ich jetzt schon gar“, soll der heilige Laurentius zu seinen Peinigern gesagt haben, als sie ihn wie ein Steak oder eine Bratwurst auf ein glühendes Rost gelegt hatten. Laurentius hatte keine Wahl: Er konnte dieser Folterung und dem sicheren Tod nicht entfliehen. Er hätte sich zur Wehr setzen können, aber es hätte ihm nichts genützt. Er hatte nur die Wahl des gewaltfreien Widerstandes, um seine Peiniger und die, die die Folterung veranlasst hatten, öffentlich zu diskreditieren.

Es wäre gut, wenn niemand mehr ein derartiges Martyrium erleiden müsste, wenn Menschen radikal anders miteinander umgehen würden. Daher legt Jesus schon zu seiner Zeit mit der „goldenen Regel“ den Grundstein für ein gutes und gelingendes Zusammenleben: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen behandeln, so behandelt auch sie, […] denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden (vgl. Lk 6,31.38). Obwohl es diese Regel in ähnlicher Form(ulierung) auch in den anderen Weltreligionen gibt und von vielen Menschen akzeptiert wird, ist sie kein Automatismus: Ich muss den ersten Schritt machen in der Hoffnung, dass durch mein Verhalten auch meine Mitmenschen ihr Verhalten ändern und gut handeln – nur so kann sich gesellschaftlich und politisch etwas ändern. Garantiert sind diese Änderung nicht – und nur im Hinblick auf die erwartete Gegenleistung zu handeln, wäre nicht nur berechnend, sondern im wahrsten Sinn des Wortes vermessen. Jesus setzt andere Maßstäbe: Liebe und Barmherzigkeit – auch dort, wo ich nichts zu erwarten habe und scheinbar der/die Dumme bin – auch dann, wenn ich mich mit einem Mitmenschen schwertue, wenn er/sie sogar mein Feind ist. „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen!

Wir haben die Wahl – jede und jeder von uns! Ich kann mich nicht „nicht entscheiden“ – ich muss mich entscheiden, wie ich leben und wie ich mit meinen Mitmenschen zusammenleben will: Ich habe die Wahl – nicht nur heute am Wahlsonntag.   Amen.

Predigt    7. Sonntag im Jahreskreis; LJ C

1 Sam 26,2.7-9.12-13.22-23 + Lk 6,27-38

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!

Bei jeder Serie, die im Fernsehen läuft oder die man streamen kann, kommt zu Beginn ein kurzer Rückblick, damit man den Anschluss nicht verliert. Erinnern Sie sich? Das war letzten Sonntag dran: Wenn wir das Leben und das Lebensnotwendige teilen und die Mitmenschen daran teilhaben lassen, kann das Leben gelingen und alle haben gewonnen. Dann gilt: Mensch, freu dich! – und nicht mehr: Leider verloren! Mensch, ärger dich nicht!

Aber so einfach ist das nicht: Es bleiben Verlustängste und -realitäten:

Die meisten von uns haben etwas zu verlieren: den Arbeitsplatz, den eigenen Wohlstand, die Gesundheit, das Leben, ihre Würde, ihren guten Ruf.

Die meisten von uns haben etwas zu verlieren – und versuchen sich abzusichern: Vorsorge und Versicherungen für alle Eventualitäten des Lebens.

Die meisten von uns haben etwas zu verlieren – und versuchen sich abzusichern. Wenn es sein muss mit Gewalt.

Die Lesung aus dem Buch Samuel erzählt von Verlustängsten, vom Versuch sich abzusichern, von handgreiflicher Gewalt gegenüber Kleinen. Der Konkurrenzkampf zwischen Saul und David: König Saul, der das Vertrauen Gottes verspielt hatte – gegen den von Gott zum neuen König gesalbten jugendlichen David. Saul sucht David in seine Gewalt zu bringen, ihn umzubringen, um so seine Position und seine Macht als König zu sichern. An dieser Stelle setzt die Lesung ein: 1 Sam 26,2.7-9.12-13.22-23 dreht sich um die Auseinandersetzung und den Umgang mit Macht. Alles dreht sich um die Frage, was es wirklich braucht, um ein guter König zu sein – und was in dessen Macht steht: David lässt Saul am Leben, obwohl David die Macht gehabt hätte, Saul zu töten. Er handelt damit anders, als Saul an Davids Stelle gehandelt hätte.

Und genau da ist der Unterschied zwischen Gewalt und Aggression. Das lateinische Verb aggredere bedeutet wörtlich nahe herangehen. David ist in diesem Sinn aggressiv: er geht bis an die Grenze, aber übertritt sie nicht. Er wahrt die Grenze, die Sauls Lebens und körperliche Unversehrtheit schützt – er krümmt ihm kein Haar. Genau das ist der gravierende Unterschied zu einem Gewalttäter, der die Grenzen anderer überschreitet.

Es ist kein Zufall, dass viele Gewalttäter, vor allem in Formen von häuslicher Gewalt, aggressions-gehemmte Typen sind – Menschen, die mit mitmenschlicher und zwischenmenschlicher Nähe ihre Schwierigkeiten haben. Bei Priestern und Ordensleuten, die es nicht gelernt haben, verbal und im Umgang liebevoll und wertschätzend miteinander umzugehen, Nähe zuzulassen und die Grenzen zu kennen und zu akzeptieren, liegt genau dort – und nicht primär im Zölibat oder einer bestimmten sexuellen Orientierung – das Gefahrenpotential: Sie überschreiten Grenzen, missbrauchen ihre Macht und die Abhängigkeit und die Ohnmacht anderer; sie missachten die Würde des anderen und zerstören Menschenleben und Kinderseelen.

Die katholische Kirche hat Schuld auf sich geladen, weil sie ungute Machtstrukturen gefördert und durch diese auch Missbrauch und Misshandlungen gedeckt und vertuscht hat. Die katholische Kirche versucht in jüngster Zeit diese Fälle aufzuarbeiten. Für andere gesellschaftliche Organisationen wie Schulen, Vereine etc. würde ich mir eine derartige Aufarbeitung der Vergangenheit wünschen – oft ist da aber ein Deckmantel des Schweigens.

Ja, wir brauchen Reformen, die die „Macht über Mitmenschen“ abschaffen, die Ohnmachtsstrukturen unterbinden und Machtmissbrauch verhindern. Und ja, wir brauchen Reformen, die die „Macht für und im Einsatz für die Mitmenschen“ fördert und damit die lebensdienliche Dimension der Macht und deren Möglichkeiten, Dinge zum Guten zu wenden. Diejenigen, die ein Amt oder eine Machtposition in der Kirche, in Politik und Gesellschaft innehaben, sollen alles in ihrer Macht Stehende tun zum Wohlergehen der Menschen: helfend und mahnend, kritisierend und ermutigend. Letztlich kann das jede und jeder. Austreten – auch das steht in meiner Macht; aber durch einen Austritt entmachte ich mich selbst und beraube mich der Möglichkeit zur Mit- und Umgestaltung von Kirche und Gesellschaft.

Ich nutze jetzt meine „Macht“ als Prediger: Jesus zeigt im heutigen Evangelium Lk 6,27-38 viele gute Wege zu gelingendem Leben auf, aber ein Wort Jesu stört mich: „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin“ (Lk 6,29). Dieser gewaltfreie Widerstand funktioniert nämlich nur, wenn er öffentlich ist, wenn alle den Machtmissbrauch und die übergriffige Gewalt sehen. Dort aber wo derartige Machenschaften im Verborgenen und unter dem Deckmantel von Machtstrukturen geschehen, ist den Opfern mit dieser Aussage Jesu nicht geholfen – im Gegenteil, sie verlängert das Leid und die Gewalt; das gilt für den häuslichen Bereich gleichermaßen wie für die Kirche. Jeder Missbrauch ist ein Missbrauch zu viel, ganz egal ob er auf körperlich-sexueller, verbaler oder auf geistlicher Ebene geschieht.

Wir brauchen mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander: Ein Verhalten, das in der Wertschätzung jedes menschlichen Lebens gründet. Es geht um eine Ethik, die von Liebe und nicht von Gewalt geprägt ist: Es zählt nicht die Liebe zur Macht, sondern die Macht der Liebe – die Liebe, die wir anderen erweisen. „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen“ (Lk 6,31), so bringt es Jesus im Lukasevangelium auf den Punkt. Es ist die goldene Regel, die so heißt, weil sie wertvoll und wichtig ist für ein gutes und gelingendes Zusammenleben und Wirken in Kirche und Gesellschaft: Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.   Amen.